Sachbücher, die sich wirklich lohnen

Wenn man der gegenwärtigen Situation etwas Positives abgewinnen will, dann ist es wohl der Umstand, dass viele Leute gerade jede Menge Zeit haben, all das anzugehen, wozu man früher nie gekommen ist.
Nachdem wir bereits erzählt haben, welche Serien wir streamen, um uns die Zeit zu vertreiben und welche Romane wir lesen, um uns in andere Welten zu träumen, wollen wir heute Empfehlungen für die Sachbücher abgeben, die unseren Horizont erweitert haben.

Das Leben der Eichhörnchen

von Josef H. Reichholf erschienen bei Hanser

Welcher Sparziergänger kennt das nicht? Egal, ob man durch die Stadt flaniert oder im Wald unterwegs ist – auf einmal hält man inne, weil sich auf irgendeinem Baum oder in irgendeinem Gebüsch am Wegesrand ein Eichhörnchen sehen lässt. Der Biologe Josef Reichholf spürt in diesem unterhaltsamen Buch dem ebenso akrobatischen wie scheuen Sympathieträger Eichhörnchen und dessen Verwandten nach, gibt Einsicht in deren Lebenswelt und klärt am Ende sogar die Frage, woher die Redensart vom Teufel kommt, der ein Eichhörnchen sei.

Zitat: Im Schwabenland heißt es, der Teufel sei ein Eichhörnle. Die »Hörnle« zeigen dies. Und das hinterlistig zuckende Locken mit dem Schwanz auch. Sollten wir also besser dem kindlich-rundlichen Köpfchen mit den Knopfäuglein und den frech aufgerichteten Ohren misstrauen?

Was würde Frida tun?: 55 Life Lessons von den coolsten Frauen der Weltgeschichte

von Elisabeth Foley erschienen bei Ludwig

Wie hat Frida Kahlo ihr an Herausforderungen nicht armes Leben gemeistert? Was kann man von Ada Lovelace lernen? Was wusste Josephine Baker? Und warum war Margarete Steiff so erfolgreich?
Die Antwort auf diese Fragen und noch viel mehr inspirierende Details aus den Biographien von 55 berühmten Frauen der Weltgeschichte bietet dieses wunderbar illustrierte Buch von Elisabeth Foley und Beth Coates.

Zitat: Frida ist ein großartiges Beispiel für eine Frau, die ihre eigene Rolle mithilfe der Mode schrieb, wobei sowohl Leben wie auch Kleidung ebenso politisch wie zweckmäßig waren. Durch ihre Kleidung stellte sie Überschwänglichkeit und Scharfsinn dar, ihre Verbundenheit mit der Arbeiterklasse ihres Landes und seinen Traditionen. Außerdem war ihre Kleidung Ausdruck ihres besonderen Verständnisses von Schönheit. Wir müssen uns nicht über die hypersexualisierten Schönheitsstandards von Promis definieren lassen, die unerbittlich auf uns herabregnen. Wir können selbst entscheiden, wie und warum wir uns verzieren.

Blau – Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

von Jürgen Goldstein erschienen bei Matthes & Seitz Berlin

In seinem weltberühmten Roman Moby Dick widmet Herman Melville das 42. Kapitel der Farbe Weiß und all ihrer Bedeutungsnuancen. Ähnlich verfährt der Philosophieprofessor Jürgen Goldstein, der als Flaneur durch die Kulturgeschichte spaziert, um in einer assoziativ verknüpften Essay-Sammlung den verschiedenen Facetten der Farbe Blau nachzuspüren.
Die Betrachtung erstreckt sich – um nur einige Beispiele zu nennen – von unserer aller Heimat, dem blauen Planeten, über George Gershwins Rhapsody in Blue sowie der blauen Blume der Romantik bis hin zu den Blue Jeans und der blauen Mauritius. Der Leser kann hier im wortwörtlichen Sinne sein blaues Wunder erleben, denn der Streifzug durch die Bedeutungsvielfalt der Farbe Blau ist faszinierend kenntnisreich, glänzend formuliert und nie langweilig.

Zitat: Zwei Minuten haben ausgereicht, das Bild von der Erde grundlegend zu verändern. Es ist der Kontrast zum grauen Mond und zur Leere der tiefschwarzen Himmelsweite, der den blauen Planeten als etwas Außergewöhnliches zeigt. Mögen auch auf der Erde die Regenwälder mit ihrem unermesslichen Lebensreichtum das Grün zum Symbol des Lebendigen gemacht haben – von der Warte der lebensfeindlichen kosmischen Bedingungen aus ist es das Blau, das die Voraussetzungen unseres Lebens symbolisiert.

Lob des Fatalismus

von Matthias Drobinski erschienen bei Claudius

Als Fatalismus bezeichnet man bekanntermaßen eine Haltung bei der die Ergebenheit in die als unabänderlich hingenommene Macht des Schicksals das Handeln bestimmt. Den Versuch, diese Schicksalsergebenheit nicht wie gemeinhin als Schwäche, sondern ganz im Gegenteil als Tugend herauszustellen, unternimmt der Journalist Matthias Drobinski mit diesem schmalen, aber gehaltvollen Band. Dabei plädiert er nicht etwa für Resignation, vielmehr versteht er den Fatalismus als Haltung der Gelassenheit und als Einsicht in den Umstand, dass das Leben oft eben nicht planbar und berechenbar verläuft – oder im Sinne des Rheinischen Grundgesetzes ausgedrückt: Et es wie et es und Et kütt wie et kütt.

Zitat: Der Fatalismus ist eine Gegenmacht. Gegen alle, die die Welt im Griff haben wollen und jede Unsicherheit im Keim ersticken wollen, die eine gnadenlose Selbstoptimierungsindustrie befeuern, die in ihrer Dauerfröhlichkeit und ihrem falschen Optimismus gnadenlos ist. Ein Hoch also auf den Fatalismus!

Loriot’s kleiner Opernführer

von Loriot alias Vicco von Bülow erschienen bei Diogenes

Loriot ist Legende, mehr muss man zum Autor nicht sagen. In diesem kleinen, aber feinen Büchlein findet sich die Liebeserklärung des großen Humoristen an die Oper in Form von 42 Nacherzählungen mit Illustrationen, welche jeweils die Handlungen eines bedeutenden Singspiels ebenso geistreich wie amüsant wiedergeben. Sehr empfehlenswert für Opernfans, angehende Opernfans und all jene die mitreden wollen, ohne drei bis vier Stunden in einem Konzertsaal zu sitzen.

Zitat: Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis: Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosem Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt.
Zum Glück gibt es ja dergleichen nur auf der Opernbühne.

Untenrum frei

von Margarete Stokowski erschienen bei Rowohlt

Wie fühlt es sich, an als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen, wo doch angeblich alles frei und gerecht ist – außer eben, man ist weiblich?
Das schildert Margarte Stokowski in diesem Buch sowohl anhand eindringlicher, persönlicher Erinnerungen aus ihrem Leben, als auch mit klugen Beobachtungen, was die gesellschaftlich-politischen Spielfelder der Macht und des Geschlechts angeht.

Zitat: Der Feminismus erklärt mir nicht, warum der Bus nicht auf mich wartet. Aber er erklärt mir, warum ich mich für mein Zuspätkommen entschuldigen werde, auch wenn ich nicht schuld war, sondern der Bus zu früh gefahren ist. Er erklärt mir, warum viele der Frauen, die ich kenne, sich auch noch entschuldigen würden, wenn sie von einem Meteoriten getroffen werden.

1.000 Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus

von Juan Moreno erschienen bei Rowohlt

Spannend wie ein Krimi liest sich das Buch des Journalisten Juan Moreno, der die Enttarnung seines Spiegel-Kollegen Claas Relotius als Betrüger aufarbeitet. Relotius wurde für seine Reportagen vielfach mit Preisen gekrönt – kein Wunder, schließlich hat er sie sich doch größtenteils einfach ausgedacht und konnte so immer liefern, was seine Vorgesetzten sich wünschen.
Diesem Umstand kommt Moreno eher unfreiwillig auf die Spur, als er gemeinsam mit Relotius einen Text recherchieren soll. Damit fangen seine Probleme allerdings erst an, denn seine Chefs beim Spiegel sind alles andere als begeistert, dass der freie Mitarbeiter Moreno ihren aufstrebenden Reporter-Star der Fälschung bezichtigt.

Zitat: Der stellvertretende Chefredakteur eines großen Wochenblatts trat an mich heran und sagte: „Wir haben im Haus einen Workshop zum Thema Recherche gemacht und das Wort Relotius fiel kein einziges Mal. Wir erholen uns langsam.“ Er klang zuversichtlich. Neben ihm stand ein Redakteur desselben Maganzins und sagte: “Na ja, wir haben ihn Lord Voldemort genannt.“

Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle

von Hyeonseo Lee erschienen bei Heyne

In ihrem Buch erzählt die Autorin von ihrer Kindheit in Nordkorea und ihrer Flucht aus einem Land, das zugleich Heimat und Gefängnis ist. In diesem Spannungsfeld, das Momente voller schöner Nostalgie als auch unfassbare Grausamkeiten aufwirft, zeigt uns Hyeonseo Lee ihren Kampf auf der Suche nach Freiheit – und nach sich selbst.

Zitat: Etwa einmal im Monat kamen Beamte mit weißen Handschuhen in jede Wohnung des Blocks und inspizierten die Porträts. Wenn sie meldeten, dass ein Haushalt sie nicht ordentlich sauber gehalten hatte – wir sahen einmal, wie ein Kontrolleur eine Taschenlampe in einem bestimmten Winkel auf das Bild hielt, um zu überprüfen, ob sich auch nur ein einziges Staubkorn auf dem Glas befand –, wurde die Familie bestraft.